1. Zwischenbericht über das Freiwillige Soziale Jahr von Hanna Gutbier (Auszug)

Hanna Gutbier leistete 2008/09 ihr Freiwilliges Soziales Jahr im „Hiroshima Youth Hostel“

 

Beschreibe deine Erwartungen/Befürchtungen und deine Motivation kurz vor Beginn des Freiwilligendienstes.

Meine Befürchtungen bestanden in erster Linie darin, dass ich möglicherweise immer irgendetwas falsch machen würde und es mir niemand sagt oder dass ich jeden Tag stundenlang arbeiten würde und dann am Abend müde und abgekämpft nicht schlafen gehen könne, sondern erst noch mit den Angestellten zum Trinken weggehen müsste und, da ich ja Deutsche bin, nur Bier bekäme. Was sich aber alles als unbegründet herausgestellt hat, da die Angestellten sehr früh sehr interessiert an Deutschland, deutschem Bier und deutschem Wein waren und ich dadurch alle überraschen konnte, da ich beides nicht mag. Außerdem war ich etwas besorgt, dass das Arbeiten sehr steif ablaufen würde, wegen der Dinge, die man in Reiseführern über Japan lesen kann und auch die uns während des Seminare erzählt wurden, wie zum Beispiel, dass man nicht laut lachen dürfe, dass man erst mit dem Essen anfangen solle, wenn der Manager angefangen hat und aufhören müsse, sobald er fertig ist. Auch das hat sich jedoch alles als unnötig herausgestellt.

Alles in Allem war ich am besorgtesten, dass der Kulturschock zu viel für mich sein würde, das halte ich mittlerweile aber für völlig unbegründet, da die Angestellten der Herberge sich eher benehmen wie eine große Familie, als wie Kollegen und wir in der Mittagspause manchmal vor Lachen fast von den Stühlen fallen.

Nach den Seminaren habe ich mich einerseits gefühlt, als ob ich gut vorbereitet wäre, andererseits habe ich aber auch größere Bedenken gehabt, als zuvor, wegen der Berichte derer, die schon einmal dort gewesen waren und mir dadurch erst richtig klar geworden ist, dass es eine völlig andere Kultur ist und wie stark sie sich von unserer zu unterscheiden schien. Im Nachhinein ist mir aufgefallen, dass die Unterschiede nicht so extrem sind, wie ich anfangs befürchtet hatte.

Selbstverständlich ist Japan ganz anders als Deutschland, aber ich wurde in der Herberge sehr herzlich empfangen und auch direkt von allen Angestellten herzlich aufgenommen, ob sie mich verstanden, oder nicht. Die Hauptaufgabe ist beim Frühstück machen zu helfen. Obwohl mir das frühe Aufstehen manchmal schwer fällt macht die Arbeit trotzdem Spaß, weil ich mich sehr gut mit dem Küchenpersonal verstehe und wir uns bei der Arbeit oft unterhalten.

Anfangs habe ich auch beim Putzen der Schlafsäle und der restlichen Herberge geholfen. Das mache ich jetzt nur noch, wenn eine Putzkraft plötzlich krank wird oder ähnliches passiert. Die Arbeit war auch meistens sehr lustig, weil auch die Putzfrauen alle sehr nett zu mir sind und auch immer gern während der Arbeit Pause machen, um mir etwas zu zeigen oder zu erzählen.

Außerdem kommen ab und zu (bisher 2 Mal) Junior High School Schüler für ein einwöchiges Praktikum hermit denen ich mich dann ein- oder zweimal für etwa eine Stunde unterhalte, damit sie mal mit einer Ausländerin reden und ein bisschen Englisch üben können. Außerdem hat mich der Manager auch darum gebeten mit den Gruppen etwas zu backen, weil ich oft Kuchen oder Kekse für die Angestellten backe und es sonst nicht genug für die Schüler zu tun gibt.

Mit dem Team verstehe ich mich ausnahmslos sehr gut. Es gibt eine Putzfrau bei der ich nicht ein einziges Wort verstehe! Aber mir wurde gesagt, dass die anderen Mitarbeiter sie auch oftmals nicht verstehen können. Das hat mich dann sehr beruhigt. Eigentlich gibt es hier niemanden im Team, mit dem ich mich nicht verstehe und sogar der Chefkoch, den ich fast nie sehe, mach ständig Witze über mich, wenn ich da bin. Mir wurde gesagt, er könne sich keine Namen merken und hat Spitznamen für fast jeden. Ich bin Doitsu-chan. Fand ich sehr niedlich!

Aber obwohl ich nicht mit ihm zusammenarbeite, hat er sich trotzdem Sorgen um mich gemacht, als ich eine Erkältung mit Stimmbandentzündung hatte und alle nur an krächzen konnte und hat den Vize-Manager abkommandiert Ingwer zu reiben um mir heißen Ingwer zu machen. Insgesamt ist das Gesamtverhältnis der Angestellten zueinander und zum Manager sehr familiär und der Vize-Manager scheint das Hauptziel für jegliche Art von Scherzen zu sein, was ihn aber wiederum nicht zu stören scheint. Mit den Angestellten gab es bisher keine schwierigen Situationen. Das einzig lästige ist, dass offensichtlich Japaner, Chinesen, Koreaner, Thailänder usw. lange Haare und blasse Haut an Frauen ganz toll finden und mir oft hinterher starren oder hinterher pfeifen, was überaus lästig werden kann. Aber ich habe erfahren, dass sich auch einige der anderen Gäste darüber beschwert haben, ich also nicht allein bin in meinem Leiden.

Ich bin das erste Mal in meinem Leben zum Karaoke gegangen, weil unser VizeManager nach dem Belegschaftsessen ganz spontan entschieden hatte „Jetzt gehen wir zum Karaoke“. Ich hatte gehofft, es sei ein Scherz gewesen, bis die halbe Belegschaft hinter ihm hergelaufen war. Ich habe entschieden, dass ich keine Karaoke mag, bin aber froh dabei gewesen zu sein und unseren Vize-Manager „Hi! China“ brüllen zu hören. Ich musste so dermaßen lachen, ich hatte Bauchkrämpfe und den anderen ging es auch nicht viel besser. Es war definitiv ein Erlebnis!

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