Abschluss-Zivi-Bericht von Michael Schmitz

Michael Schmitz leistete 2008/09 seinen Zivildienst bei Shinseikai, einer von der anglikanischen Kirche betriebenen Einrichtung für Senioren, in der Präfektur Gunma

Nachdem nun auch das letzte Drittel sich dem Ende zu neigen begonnen hat, heißt es vorerst Abschied nehmen von einem Land und von Leuten, die einem sehr ans Herz gewachsen sind, von denen man sich genau so wenig trennen möchte, wie man Freunde und Familie in Deutschland nicht länger warten lassen möchte…

Wie es sich anfühlen würde, Familie und Freunde ein Jahr lang nicht gesehen zu haben, war natürlich auch ein Gedanke, den ich auch vor Antritt der Reise gehegt hatte. Jedoch gab das Ziel, sich selbst neuen Herausforderungen zu stellen und wachsen zu wollen vielerlei noch nicht absehbar gewesenen Lasten eine Bedeutung und so wurde die Bedeutung über innere Klarheit schließlich auch zu einem Antrieb, der mich bis zu dem Punkt bewegt hat, an dem ich mich jetzt befinde.

Natürlich könnte man sich fragen, warum all das im Ausland? Warum so weit entfernt von zu Hause? Und so mag es wohl auch Stimmen gegeben haben, die so fragend laut wurden. Aber die Ziele des Sprachelernens, des Begegnens mit anderen Kulturen, etwas weit- und umsichtiger zu werden, Gedanken und Gefühle Menschen anderer Länder als Erfahrungen in sich tragend auch als einen geistigen Repräsentanten einer anderen Haltung in das eigene Denken einbringen zu wollen, entlocken doch der Mehrheit eine zustimmende Einsicht.

Das klärt nun jedoch immer noch nicht, warum es ausgerechnet Japan sein musste. Da ich viel Freizeit dem Erlernen von Fremdsprachen widme, kann ich nicht abstreiten, dass ich zunächst über die Entscheidung, nach den in der Schule erlernten Sprachen auch einmal geographisch in eine völlig andere Richtung gehen zu wollen, immer mehr mit dem in Berührung gekommen bin, was mich mittlerweile so begeistert von diesem Land.

Doch selbstverständlich habe ich mich nicht nur für eine Sprache und Japan sondern auch für eine Arbeit in der sozialen Wohlfahrt in einem Altenheim dieses Landes entschieden: für mich stand sehr früh fest, dass ich viele interessante und lehrreiche Gespräche mit Menschen führen möchte, die viel erlebt haben, die auf ein erfülltes Leben zurückblicken oder eben noch einen starken Lebensgeist und Tatendrang verspüren. Diese Entscheidung bedeutete nicht, dass ich nicht ebenso gern mit Kindern hätte arbeiten wollen; der alltägliche Umgang mit Kindern in einem Kindergarten würde vermutlich gleichermaßen viele Momente hervorbringen, in denen man über sich und über andere lernen kann, aber eben andere. Darüber hinaus kann ich behaupten, dass auch hier in Shinseikai, obwohl es sich um ein Altenheim handelt, der Kontakt mit Kindern bzw. allgemein mit Leuten jüngeren Alters relativ rege ist.

Dies ist übrigens einer vieler positiver Punkte aus einer Unternehmenspolitik, die sehr umsichtig ist, sich neben dem Wohl der Senioren auch um jenes der Angestellten und darüber hinaus sogar um die Bildung jüngerer Generationen kümmert: Angestellte haben im Laufe eines Jahres mehrmals, sofern es der Schichtdienst zulässt, die Möglichkeit an verschiedenen einrichtungsinternen Veranstaltungen teilzunehmen wie z.B. Jahresabschlussfeier, Neujahrsfeier u.a..Da insgesamt ca. dreihundert Mitarbeiter hier tätig sind, handelt es sich um recht groß angelegte Feiern, die einiges bieten. Darüber hinaus finden jedes Jahr Weihnachtsfeiern direkt hier in der Einrichtung statt, die sogar ein Weihnachtstheaterstück beinhalten, das, aufgeführt von Angestellten, sowohl den Senioren als auch den übrigen Angestellten geboten wird.

Und selbst die aller jüngsten Kinder der Angestellten werden mit einem zweitägigen „Family Summer Camp“ berücksichtigt, bei dem auch ich vor kurzem als Betreuer mitwirken durfte.

Michael Schmitz, Foto: Anne Jeglinski

Dass Studentengruppen oder auch Schüler anderer Schulen hier in Shinseikai Praktika absolvieren können, zeigt auch noch einmal den Generationen zusammenführenden Charakter dieses Ortes, welcher mich so sehr beeindruckt hat. Sollte es neben diesem insgesamt so positiven Punkt auch etwas gegeben haben, das durchweg störend war? „Durchweg“ kann man vielleicht nicht sagen; ein Problem jedoch, das ich schon bereits einmal angesprochen habe; es geht in den Bereich der Arbeit: Was mir am Anfang ein bisschen Kopfzerbrechen bereitete, dann immer stärker zurückging, ist das Problem, dass man nun einmal Freiwilliger ist und deswegen, was das Auftragen von Arbeit angeht, oft zu sehr mit Samtpfötchen behandelt wird. So sehr man sich auch anbietet, Arbeit die einen erschöpft, wie man sie, ich unterstelle dies an dieser Stelle, an einem gewöhnlichen Arbeitstag unter einem Vorgesetzten durchaus erwarten könnte, kommt zunächst nicht vor.

Das Problem liegt in der milden und rücksichtsvollen Art der Japaner. Eigentlich geht es in erster Linie nur darum seinen Zivildienst abzuleisten. Nun ist es so, dass man nach Japan gekommen ist mit dem Wunsch, Sprache und Kultur kennenlernen zu wollen und darüber hinaus die Aufgabe hat, sein Heimatland zu vertreten und darzustellen; jene Arbeitskollegen, denen das möglicherweise auch nur unterbewusst klar ist, sehen sich vielleicht aufgefordert, dem das ehrenwerte Anliegen habenden Freiwilligen etwas mehr Respekt noch entgegenzubringen als den japanischen Kollegen bzw. beginnen, nach meiner Wahrnehmung, den Freiwilligen hauptsächlich in seiner Rolle als Botschafter zu sehen. Doch nicht nur die ja eigentlich eher liebenswürdige Zurückhaltung und Großzügigkeit der Japaner nimmt Einfluss auf diese Situation.

Fakt ist, dass ich und ohne Zweifel nachfolgende Freiwillige ebenso zu Beginn ihres Dienstes vielleicht nicht über die sprachlichen Mittel verfügen, das eigene Angebot und die Bereitschaft klar und eindeutig mitteilen zu können und deswegen erst mal, auch wenn das etwas überspitzt klingt, geringfügig machtlos sind. Jedoch je besser es gelingt, sich Bewegungs- und Arbeitsfluss und der Kommunikationsweise (auch sprachlich) anzupassen desto mehr scheint man so zu wirken wie eine Person, der auch der „Rest“ nicht nur gelingen kann sondern auch „sollte“. Ich habe das Gefühl, dass ich mittlerweile einen Punkt erreicht habe, an dem ich nicht nur selbst weiß, wann welche Arbeit gemacht werden sollte, sondern auch gleichermaßen darum gebeten werde etwas zu erledigen.

Da heraus ergibt sich einerseits die Erleichterung, nicht mehr tatenlos dastehen zu müssen und andererseits die Bestätigung, dass man auch für Japaner zu einer sehr vertrauenswürdigen Person geworden ist; so ein Ergebnis am Ende des Jahres mit nach Hause nehmen zu können, ist in diesem Fall die positive Entwicklung eines Problems und ein gutes Gefühl. In solchen Entwicklungen lernt man natürlich viel über Menschen und über die Dinge, auf die sie achten. Dass einem der eigene Lernprozess so auffällt liegt wohl daran, dass man sich bei einem Auslandsjahr in Japan in einen Kulturraum begibt, in dem man sich vielleicht nur mässig oder zunächst gar nicht zu bewegen versteht.

Von dem Gelernten profitiert allerdings nicht nur man selbst: je länger man hier ist desto mehr taucht man in japanische Umgangsformen ein und kann sich immer reibungsfreier bewegen. Das schafft beim Partner Vertrauen, Interesse und ermöglicht ein angenehmen Austausch zwischen Kulturen oder vielleicht auch erst mal nur zwischen Personen. Den konkreten „Profit“, den die Senioren aus dem ganzen ziehen können ist, so simpel es klingen mag, das einfache Gespräch. Zuwendung, die zwar selbstverständlich durch kurze Gespräche zwischendurch immer wieder gewährleistet wird durch die Angestellten; aber lange Gespräche kommen selten vor. In den langen Gesprächen die ich geführt habe, kommt vieles zur Sprache wie z.B. auch so außergewöhnliche Themen wie „Antimaterie“ oder auch das menschliche Denken hinterfragenden Charakter besitzende Unterhaltungen; aber eher zu erwartenden Richtungen wie Krieg, Politik und Familie kommen ebenso vor. Vielleicht erzählen die Senioren mir auch hin und wieder Sachen, die sie den Angestellten nicht erzählen; das ist allerdings reine Spekulation… In Gespräche, die man selbst auch mit steuert, kann man auch seine eigenen Themen und Interessen einbringen; doch auch in jene Arbeit die weitestgehend ohne Gespräche abläuft, konnte ich eines meiner Interessen nützlich einbringen: wer lesen kann, der kann auch Wäsche verteilen, auf der Namen stehen! Klingt zunächst nicht besonders interessant.

Jedoch ist es nun mal so, dass, wie jeder andere Mensch, auch Japaner Probleme haben, sich nicht nur Lesung sondern auch Schreibung der Schriftzeichen zu merken. Und so lassen sich auch Japaner, für die die Zeichen aus europäischer Sicht vielleicht sogar nur all zu gewöhnlich erscheinen, hin und wieder auf Gespräche über Kanji ein, sei es beim Wäsche auffalten oder beim Lesen anderer Dinge. Mit dem ausländischen Interesse, das ich mitgebracht habe und mit der Arbeit, die ich abnehmen konnte, denke ich, habe ich einen angenehmen, wenn auch pro Teileinrichtung nur einen Monat andauernden, frischen Wind in den Alltag der Senioren und Angestellten bringen und auch ich dadurch im Gegenzug sehr viel und gute Gastfreundschaft erfahren können…

Nun geht es in wenigen Tagen wieder zurück in die Heimat nach Deutschland und nach einem Jahr Pause schulischen Lernens wird wieder eine längere Lernphase beginnen: Vor ein paar Tagen konnte ich beruhigt aufatmen, als ich von der Uni Bochum eine Nachricht mit der Zulassung für Japanologie und Volkswirtschaftslehre bekam. Noch ständen mir auch Trier und möglicherweise auch Berlin als Studienorte offen, jedoch bin ich überzeugt davon, dass Bochum genau das Umfeld bietet, das meine Studienziele am besten fördern kann. Nach Ende des Bachelorstudiums werde ich voraussichtlich entweder mit einem Masterstudium die Studienlaufbahn fortsetzen oder aber einen anderen Weg finden, der sich mir dann öffnen wird. Das Freiwillige Soziale Jahr in Japan hat mir auf jeden Fall Sicherheit in den Plänen und Zielen bezüglich meines Berufswunsches gegeben; Japan wird mich vorerst nicht loslassen. Als zweiter Bereich, den ich durchdringen und mit dem ich mich auch in Bezug auf Japan beschäftigen möchte, steht zunächst Wirtschaft fest, aber wer weiß, mit welchen Begegnungen und Ideen man als nächstes beglückt wird… Ich danke an dieser Stelle jenen die mir diese unbezahlbar wertvolle Erfahrung ermöglicht haben und freue mich in kürze alle wieder in Augenschein nehmen zu können! Viele Grüße aus dem Land der aufgehenden Sonne

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