Abschlussbericht von Corinna Michaeli 2012/13 bei IGL in Hiroshima

Corinna Michaeli verbrachte 2012-13 ein Jahr in der Kindertagesbetreung bei der International Gospel League in Hiroshima.

 

Vor Beginn meines IJFD versuchte ich die Erwartungen möglichst gering zu halten. In den Monaten davor wechselte sich ständig Vorfreude mit Angst ab.

Jahrestag des Atombombenabwurfes
Jahrestag des Atombombenabwurfes

Da ich die erste in dieser Einsatzstelle war hatte ich noch mehr Ungewissheit als die meisten anderen Freiwilligen meines Jahrgangs. Trotz vieler Ängste vor einem fremden Land und dem plötzlichen Alleinleben dachte ich seit meiner Bewerbung nicht einmal daran, doch einen Rückzieher zu machen. Einmal in ein anderes Land zu gehen, eine fremde Kultur hautnah mitzuerleben und Teil ei­ner anderen Gesellschaft zu werden und das auch noch in Japan… Diese Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen, auch weil ich vorher schon öfter versucht hatte, Aufenthalte dort zu verwirklichen. Da mei­ne Familie und Freunde um meine Leidenschaft für das Land in Fernost Bescheid wussten, war es für niemanden eine Überraschung und alle freuten sich mit mir und unterstützen mich.

Also alles die besten Voraussetzungen für ein tolles Jahr!

Kultur des Gastlandes

Rückblickend gesehen war die Eingewöhnung in Japan einfacher, als die Wiedereingewöhnung in ­Deutschland. Ich hatte davor schon einiges an Vorwissen gesammelt, sei es durch Manga, Serien oder den Japanischkurs in der Oberstufe, somit war ich eigentlich auf alles gefasst. In meiner Einsatz­stelle und in ganz Hiroshima waren alle sehr gastfreundlich, man hat sich immer willkommen gefühlt und alle zeigten großes Interesse an meiner Herkunft und meiner Person. Da ich eigentlich keine Person bin, die furchtbar gerne im Mittelpunkt steht, war dies noch gewöhnungsbedürftig. Als dann die Sprachkenntnisse gemeinsam mit dem Selbstvertrauen immer besser wurden, konnte man auch immer besser mit der Aufmerksamkeit umgehen.

Auswertung

Vor meinem Antritt hatte ich 3 Jahre Japanischunterricht und habe beim lokalen Sushi-Restaurant trotzdem keinen Ton rausbringen wollen und war schon mit den kleinsten Konversationen überfordert. Mir war klar, dass wenn ich jetzt nicht nach Japan gehen würde, würde ich alles vergessen. Somit hatte ich das Hauptziel: Endlich Japanisch sprechen zu lernen. Außerdem wollte ich unbedingt Teil der Deutsch-Japanischen Freundschaft werden. Ich wollte Freundschaften schließen, die möglichst ein Leben lang halten, bei denen man sich gegenseitig besuchen kann und Erinnerungen teilt.

Diese beiden Hauptziele, die ich mir selbst stellte, habe ich glücklicherweise erreicht und bin daher mehr als glücklich. Als ich nach meinem Jahr dann wieder zu dem gleichen Sushi-Restaurant ging, konnte ich mich beinahe fließend mit dem Koch unterhalten, der mir sogar einen Nebenjob anbot. Erst da merkte ich, wie enorm sich meine Sprachkenntnisse überhaupt entwickelt haben. Über Plattformen wie Facebook kann ich auch leicht Kontakt mit meinen Freunden halten, man kann sich Bilder schicken und weiß Bescheid über ihren Alltag. Meine Arbeit in den Kindergärten meiner Einsatzstelle machte mir am Anfang sehr viel Spaß und später, als es mit der Kommunikation dann auch klappte, fühlte ich mich oft wirklich nützlich. Es war fast unmöglich, den Kindern Deutsch oder Englisch beizubringen, da man sehr selten in dem gleichen Zimmer war. Aber die Kinder bekamen eine Vorstellung von der großen weiten Welt, dass nicht jeder Ausländer automatisch Amerikaner ist und Englisch spricht und es sehr viele verschiedene Kulturen gibt. Dadurch, dass weder die Kinder noch ich Berührungsängste hatten, denke ich, dass sie durch unsere Arbeit sogar etwas offener gegenüber fremden Kulturen geworden sind. Und vielleicht bleiben wir ja bei einigen in Erinnerung. Aber auch ich habe viel gelernt, in erster Linie, wie man mit Kindern umgeht, dass Geduld eine wichtige Tugend ist und man dankbar für alle Erfahrungen sein sollte. Zu Anfang war man in den Kindergärten nur eine Art Spielzeug, später konnte man den Erzieherinnen richtig bei der Arbeit helfen, da man wusste, was zu tun ist. Da man aber keine richtige Erzieherin war, konnte man noch viel persönlicher auf die Kinder eingehen und mehr Zeit in einzelne Kinder investieren. Ein kleines Beispiel aus meinem letzten Monat:

An unserem letzten Tag dort. Besagter Junge auf meinem Schoß
An unserem letzten Tag dort. Besagter Junge auf meinem Schoß

Ein Junge ist mir schon länger aufgefallen, da er oft aggressives Verhalten zeigte und man ihn sehr schnell reizen konnte. Er schmiss mit Dingen um sich, schlug andere Kinder und ließ sich nichts sa­gen. Daher nervte er mich sehr und ich musste ihn manchmal recht fest packen damit er merkte, dass ich wütend auf ihn war, aber es interessierte ihn kaum. Irgendwann fiel ihm ein Baustein im Vorbeige­hen aus dem Korb und er bückte sich und legte ihn zurück, sehr ungewöhnlich! Also ging ich zu ihm und sagte „Woow, du hast es wieder zurückgelegt!! Das hast du so tollgemacht, ich freu mich so!“, nahm ihn hoch und knuddelte ihn ordentlich durch!! Er war leicht überfordert, grinste aber über beide Backen. Und ab diesem Punkt wählte er mich als seine Be­zugsperson, hörte auf meine Anweisungen und suchte oft meine Nähe, die ich ihm nie verwehrte. Bei ihm war der Schlüssel wohl einfach Liebe und Anerkennung, aber jedes Kind ist anderes und man braucht Zeit ihren Code zu knacken, die Zeit hatte ich.

Meine Arbeit wurde von den Kollegen immer anerkannt und sie zeigten sich in fast jeder Situation dankbar. Somit kam man sich nie ungewollt und nur selten unnütz vor. Auch die Betreuung war sehr gut. Am Anfang wurden wir dauernd herumgefahren, man hat uns in regelmäßigen Abständen angerufen, ob alles in Ordnung ist und unsere Wünsche hat man sehr ernst genommen. Man könnte meinen, dass diese starke Betreuung irgendwann nervig wurde. Aber mit der Zeit schwächte sich das ab und wir hatten jeden Freiraum, den wir brauchten, konnten draußen bleiben so lange wir wollten, alleine verreisen usw. Trotz ständiger Warnungen, dass wir doch bitte schön vorsichtig sein sollen, wurde uns großes Vertrauen entgegengebracht.

Schönste Erlebnisse

Ich hatte viele wunderbare Erlebnisse in dem Jahr. Das erste war relativ am Anfang. Meine Mitfrei­willige und ich entdeckten eine Leidenschaft für Kagura, eine

Am letzten Abend zusammen flossen viele Tränen!
Am letzten Abend zusammen flossen viele Tränen!

japanische Theater-Form. Wir woll­ten unbedingt mal bei einem Training dabei sein und es vielleicht selber mal ausprobieren, also fanden wir den naheliegendsten Verein heraus und machten uns an einem Abend auf dem Weg. Leider wussten wir nicht genau, wo er war und entschlossen uns nachzufragen bei einem Restaurant. Der Besitzer wusste es auch nicht und fragte daraufhin den Besitzer des Restaurants daneben und sie überlegten gemeinsam und telefonierten herum. Schließlich fanden sie es heraus, da es aber noch früh war luden sie uns in ihr Restaurant ein, um etwas zu trinken und uns danach mit dem Auto hinzufahren. So viel Freundlichkeit waren wir nun wirklich nicht ge­wohnt!! Auch noch sehr schön war unsere Rei­se nach Tokyo, die allerdings damit begann, dass wir unseren Flug verpassten und noch viel Stress und Nebenkosten hatten. Im Som­mer verbrachte ich mit meinem Coachie und unseren Freunden am „Tag des Meeres“ einen Tag am Strand, abends gingen wir Sushi essen und machten noch ein kleines Feuerwerk vor der Skyline Hiroshimas. Dieser Tag war so glücklich und unbeschwert und es fühlte sich so an, als ob wir uns alle schon ewig kennen… Wirklich ein wunderschöner Tag.

Perspektiven

Eine Sache ist mir ganz sicher klar geworden: Ich möchte unbedingt noch einmal nach Japan und gerne etwas arbeiten, wo ich öfter zurückkehren kann.

Allerdings sind mir während des Jahres auch viele Dinge über mich selber bewusst geworden, die mir bei Entscheidungen weiterhelfen werden, z.B. dass ich ungern lange Zeit das Gleiche mache und möglichst viel und oft Abwechslung brauche.

Ich möchte meine Zukunft nicht zu weit planen und mir viel offenlassen. Und da ich es in Erwägung ziehe, auch länger in Japan zu wohnen und zu arbeiten, bin ich mir nun zu 100% sicher, dass ich studieren möchte, da man sonst kaum ein Arbeitsvisum bekommt. Ich habe mich bisher nur für einen Studiengang, moderne Ostasien-Wissenschaften beworben. Falls ich aber nicht angenommen

Letzter Tag in meinem Lieblingszimmer
Letzter Tag in meinem Lieblingszimmer

wer­de, würde ich noch ein Jahr arbeiten und möglichst viel Geld sparen. Denn das habe ich auch gelernt, bloß nicht so viele Sorgen machen!

Meine Familie sagt, dass ich mich kaum verändert habe in diesem Jahr. Ich bin mir aber meiner Veränderung bewusst. Alleine dadurch, dass man alleine lebte, entwickelte man sich weiter. Hinzu kommt, dass es ein ganz anderes Land war. Dass man sich anpassen musste, dass man Vollzeit arbeitete. Ich bin erwachsener und glücklicher geworden und kann diese Erfahrung nur Jedem weiterempfehlen! Daher möchte ich mich auch weiter etwas engagieren und freue mich, bei dem Vorbereitungsseminar meine Nachfolger persön­lich vorbereiten zu können.

Auf jeden Fall danke ich ijgd und DJF für dieses wunderbare Jahr! Danke!

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