Abschlussbericht von Michael Cosacchi 2012-13 im Osaka International Youth Hostel Hagoromo

Michael Cosacchi verbrachte 2012-2013 ein Jahr im Osaka International Youth Hostel Hagoromo.

 

 

Nun sitze ich hier, über eineinhalb Jahre nach Beginn der Planungsphase und schreibe den Abschlussbericht meines IJFDs. Es wäre untertrieben, wenn ich sagte, die Zeit sei wie im Fluge vergangen. Immer wieder habe ich das Gefühl, nur die Sommerferien seien vorbei und jetzt gehe alles von vorne los.

 

Doch wenn ich mich in diesen Momenten darauf konzentriere, wer ich jetzt im Vergleich zu dieser Anfangszeit bin, kann ich nicht anders als festzustellen, dass eine solche Veränderung innerhalb von sechs Wochen nicht möglich ist. Damals – noch während der Abiturphase – wollte ich unbedingt Abstand nehmen von der Schulzeit und dem unermüdlichen, ermüdenden Lernen. Gleich zu studieren, war damit ausgeschlossen. Hinzu kam das immerwährende Gefühl, nicht vollständig zu sein in dem Sinne, dass ich meine zweite Hälfte, nämlich meine japanische, viel zu wenig kannte. Im Heimatland meiner Mutter länger als über die Sommerferien zu wohnen, war schon längere Zeit einer meiner größeren Wünsche gewesen. Ich war mir sicher, so meine zweite Muttersprache, die zu diesem Zeitpunkt zu einer Gebrauchssprache im Alltag verkommen war, zu verbessern und für mich und andere nützlich zu machen. Dieser Gedanke sagte meiner Familie sehr zu, so dass sie das Vorhaben von Anfang an unterstützte.

 

Mit diesen zwei oben genannten Wünschen im Hinterkopf begann ich den Dienst im letzten September. Erfreulicherweise wurde ich im Youth-Hostel-Bereich, für den ich mich beworben hatte, eingesetzt, auch wenn mir die anderen Felder ebenfalls recht gewesen wären. Die Einweisung in den Dienst und die ersten Arbeitsmonate waren im Rückblick anstrengender als die letzten Monate vor meiner Rückreise, auch wenn meine Stundenlisten rein objektiv auf das Gegenteil hindeuten. Die Integration in das Arbeitsumfeld, in die Gesellschaft und Kultur verlief dagegen fließend, was ich vielfachen Japanreisen in die Heimatstadt meiner Mutter Sendai zu verdanken habe. Unbekannt war mir also wenig. Dennoch erstaunten mich einige Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Bräuche, besonders die Westeuropäern fast schon rassistisch anmutende Bezeichnung „Half“ für Halbjapaner. Bei jeder Selbstvorstellung wurde ich damit konfrontiert, was zunächst recht ungewohnt war, da Japaner einen dann weder als Japaner noch als Ausländer betrachten und es sich zurechtlegen, wie es ihnen gerade passt. So wird man beispielsweise in Behörden als voller Japaner gesehen und dementsprechend als der Schrift und Sprache völlig mächtig, was zu häufiger Verwirrung beider Seiten führte. Da mich die Vokabel „Half“ bzw. „Halb“ im Deutschen zudem verärgerte, führte ich in meinem Umfeld das der Trilogie „The Lord of the Rings“ entnommene Wort „Halfling“ bzw. „Halbling“ ein, das wirklich amüsanter klingt als das erstgenannte.

 

Doch nicht nur in diesem persönlichen Bereich, sondern auch im Umfeld erschütterte mich der immer latent vorhandene Rassismus gegenüber Koreanern und Chinesen. Das Wort „Kokuminsei“, was man mit „Nationalcharakter“ übersetzen kann, begegnete mir gerade im international ausgerichteten Hostelalltag immer wieder.

 

Als dieser Alltag sich langsam eingependelt hatte, begann ich, nach den kleineren Zielen für meinen IJFD zu sehen, allen voran, regelmäßigen Sport zu treiben. Ich wurde Schüler in einem Karate-Dojo und trainierte dort je nach Dienstplan bis zu drei Mal in der Woche. Nicht nur körperlich tat mir diese Entscheidung unglaublich gut, sondern sie öffnete mir auch ein Fenster zu japanischen Gleichaltrigen, mit denen ich bis dato wenig bis nichts zu tun gehabt hatte. Neben dem Hostelalltag bildete sich nach und nach ein Dojoalltag aus, der mir sehr ans Herz wuchs. Den ersten Höhepunkt meines Trainings stellte eine Gürtelprüfung im Mai dar, die ich sehr erfolgreich bestand. Die herzliche Abschlussfeier kurz vor meinem Abflug wird mir ebenfalls noch lange in Erinnerung bleiben.

 

Immer unterschwellig, doch nach dem Zwischenseminar verstärkt, verfolgte ich mein Primärziel, die Sprache zu verbessern. Ich bereitete mich auf das Level 2 des JLPT im Juli vor, was im Nachhinein eine sehr effektive Methode war, um zügig bis zu 700 Kanji zu lernen. Das Ergebnis der Prüfung liegt mir leider noch nicht vor, doch gleich wie es letztendlich ist, kann ich schon sagen, dass sich allein die Vorbereitung für die Verbesserung meiner Japanischfähigkeiten enorm gelohnt hat.

 

Nebenbei unternahm ich während meiner freien Tage immer wieder ein- bis siebentägige Reisen und sah so alle vier Hauptinseln Japans und lernte die Kultur und besonders die regionalen Unterschiede immer besser kennen. Meine Verwandten und Freunde in Sendai besuchte ich ebenso wie Bekannte im Kansaier Umfeld und auf Hokkaido. Mit Kollegen unternahm ich Reisen nach Kyushu und die Nachbarpräfekturen. Zusammen mit einer kleinen Einführung in die japanische Geschichte habe ich nun endlich einen groben Überblick über Land und Leute erhalten.

 

Daran wird schon ersichtlich, dass ich mich mit meinen Kollegen und zum Glück auch mit der Chefetage sehr gut verstand. Mehr und mehr Verantwortung und damit verbunden Rechte wurden mir v.a. nach dem Zwischenseminar gegeben, so dass ich mich am Ende des Jahres nicht mehr wie geplant dem Wunsch nach einem weiteren Konzert auf der Geige und dem Klavier entziehen konnte. Immerhin hatte der Chef des ganzen YH-Bereichs Osaka darum gebeten. Sehr beruhigend war auch das mir entgegengebrachte Verständnis der Chefetage dafür, dass die Arbeit nach der Eingewöhnungsphase immer monotoner wird. Obwohl mich das nicht unbedingt störte, ging es sogar so weit, dass sich der Manager für den einförmigen Dienstplan persönlich bei mir entschuldigte.

 

Insgesamt konnte ich also während meines Freiwilligendienstes nicht nur die Primärziele erfüllen, sondern auch Bekanntschaften schließen, die mittlerweile zu sehr guten Freundschaften herangewachsen sind. Das schönste Beispiel sind zwei Kollegen, die im November dieses Jahres Deutschland bereisen und alle Ehemaligen besuchen werden, worauf ich mich schon sehr freue.

 

Um diese Zeit werde ich bereits Physik in Bayreuth studieren und in einer eigenen Wohnung leben. Mein Plan in dieser Hinsicht hat sich während des IJFDs nicht verändert. Da ich denke, dass mich besonders das erste Semester völlig in Anspruch nehmen wird, habe ich zunächst kein Interesse am Teamen weiterer Seminargruppen, auch wenn das ein grundsätzliches Interesse nicht ausschließt. Immer gerne zur Verfügung stehe ich für Bewerbertage und Vorbereitungsseminare, auf denen ich mich als Ehemaliger einbringen könnte. In diesem Sinne freue ich mich auf die weitere Zukunft mit ijgd!

 

Das Stichwort ijgd bzw. DJF ist an dieser Stelle, am Ende des Berichts, von größter Bedeutung, da mir diese Erfahrungen nicht ohne die von diesen beiden Organisationen gesteckten Rahmenbedingungen möglich gewesen wären. Ganz herzlichen Dank dafür! Nun kann ich endlich sagen, dass ich meine zweite Hälfte gut kenne und ein Filmzitat für meine Zwecke abändern: „Halfling and proud!“

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